unser
Beitrag zur Anti-Wahlkampfinitiative 2001 und als Flugblatt zur LL-Demo
2002
Das Leben,
Demokratie und der ganze Rest
"Mit
dieser erfolgreichen Benutzung des allgemeinen Stimmrechts war aber
eine ganz neue Kampfweise des Proletariats in Wirksamkeit getreten,
und diese bildete sich rasch weiter aus. Man fand, daß die Staatseinrichtungen,
in denen die Herrschaft der Bourgeoisie sich organisiert, noch weitere
Handhaben bieten, vermittelst deren die Arbeiterklasse diese selben
Staatseinrichtungen bekämpfen kann. Man beteiligte sich an den
Wahlen für Einzellandtage, Gemeinderäte, Gewerbegerichte,
man machte der Bourgeoisie jeden Posten streitig, bei dessen Besetzung
ein genügender Teil des Proletariats mitsprach. Und so geschah
es, daß Bourgeoisie und Regierung dahin kamen, sich weit mehr
zu fürchten vor der gesetzlichen als vor der ungesetzlichen Aktion
der Arbeiterpartei, vor den Erfolgen der Wahl als vor denen der Rebellion"
F. Engels
"Eines
muß man anerkennen: Es war damals eine geniale Idee der Bourgeoisie,
zwei Aspekte zu kombinieren: Auf der einen Seite die sogenannte Partizipation
der Massen an den Entscheidungsprozessen über die Wahlen zu ermöglichen,
auf der anderen Seite diese Massen via Institutionen auszuschließen."
J. Agnoli
Viele
richteten die Waffe der Kritik auf den bürgerlichen Parlamentarismus
und würde Erkenntnis unmittelbar wirken, wäre dieser bereits
tausend Tode gestorben. Leider reicht unsere theoretische Ablehnung
anscheinend nicht aus, das System funktioniert wie eh und je. Es gibt
eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau rausfindet, wozu
der Parlamentarismus da ist, dann verschwindet er auf der Stelle und
wird durch etwas noch Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. Es gibt
eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist. (frei nach Douglas
Adams)
Also müssen wir noch mal ran: Zuerst werden wir den Versuch einer
auf Emanzipation orientierten Parlamentarismuskritik wagen, um dann
den Demokratiebegriff unter Bedingungen einer befreiten Gesellschaft
zu diskutieren. Uns interessiert, welches utopische Potential dieser
Idee innewohnt. Bei unserer Parlamentskritik bedienen wir uns ganz wesentlich
bei Johannes Agnoli und seinen 'Transformationen der Demokratie'.
Der soziale Frieden steht im Zentrum und ist "der tiefere Sinn
des Labens" (Douglas Adams) der parlamentarischen Demokratie. Ihr
gelingt es immer wieder, jeden grundlegenden politischen und sozialen
Kampf auf den parlamentarischen Pluralismus zu reduzieren und in Büttenreden
umzuwandeln. Der grundlegende Widerspruch findet zwischen zwei, sich
in ihren Interessen ausschließenden Klassen statt, Lohnarbeit
und Kapital - also muss sich die Austragung dieses Konfliktes in der
Form von Herrschaft wiederspiegeln. Um diese Form abzumildern und subtiler
zu machen, greift hier das Instrument der bürgerlichen Demokratie.
Wir werden nicht mehr einfach nur durch unmittelbare Gewalt beherrscht,
wie anno dunnemal olle Spartakus durch die römischen Legionen,
sondern die gesellschaftliche Entscheidungsfindung hat ihre Arena im
Parlament. Hier machen nun zu achtzig Prozent aus dem Beamtenstand stammende
Delegierte Politik, die angeblich die Interessen ihrer WählerInnen
vertreten, in Wirklichkeit aber nur sich selbst und ihrem Gewissen überlassen
werden. Die Hyper-Realität der Klassengesellschaft wird so zu subversiven
"Sachzwängen" umgemodelt, die nun die Handlungsvorgaben
unserer "Interessensvertreter" diktieren. Nicht doof! Der
Konflikt wird nun also systemimmanent und in Eliten verwaltet. Das grundierende
Element eines autoritären rechtsstaatlichen Demokratiemodells ist
die Umwandlung des bestehenden Herrschaftskonflikts in einen Führungskonflikt,
bei dem es inhaltlich um die Konkurrenz einer bestmöglichen Betreuung
des Widerspruchs von Kapital und Lohnarbeit geht. Dieser scheinbare
Frieden in den "zivilisierten Teilen" der Galaxis ist teuer
erkauft und wird täglich von möglichst unsichtbaren "Kollateralschäden"
in den ärmeren Teilen begleitet.
Die WählerInnen verstehen sich in der "Repräsentativen
Demokratie" als bewusste VerbraucherInnen von auf dem Markt angebotenen
politischen Waren. Die Wahl des Parlaments ist hier zentrales Manöver
der Glaubwürdigkeit. Mit dem Vollzug des Wahlaktes akzeptieren
die WählerInnen formal die Herrschaft über sich. Sie scheinen
es verlernt zu haben oder bewusst zu vermeiden, einen Freiheitsbegriff
zu denken, der über das Bestehende hinausgeht und z.B. eine Selbstorganisation
als Alternative möglich macht. Die Herrschenden und gerne Beherrschten
brauchen die Illusion, gegebenenfalls die Idioten und ZynikerInnen auf
selbem Wege per Wahl in die Opposition schaffen zu können. Da gilt
nach wie vor der Leitspruch "Wenn Wahlen etwas verändern könnten,
wären sie längst verboten!" Was wäre, wenn wir ein
Raumschiff bauen und alle die sich das Herrschen und Verwalten nicht
abgewöhnen lassen mit der Aufgabe betrauen den Mars zu kolonisieren?
Menschen, die dennoch ein widerständiges Bewußtsein entwickeln
sind ein Problem für das System! Für sie werden immer raffiniertere
Organe geschaffen, um sie zu neutralisieren. Sie sollen ihnen die falsche
Vorstellung einer Beteiligung an der gesellschaftlichen Entscheidungsfindung
vermitteln, es lebe das Quartier-, pardon Kiezmanagement. Nicht die
Abschaffung pseudodemokratischer Spielregeln macht den Staat stark,
sondern die Verlegung der Entscheidungsbefugnisse vom Parlament in einen
engeren Kreis nicht öffentlich tagender Eliten (Ausschüsse),
diagnostiziert Agnoli.
Der Verteilungsmechanismus der Macht, die sogenannten freien und geheimen
Wahlen zwingen die Parteien dazu, sich mit ihren haltlosen Versprechen
an eine abstrakte Allgemeinheit zu wenden in einem zudem überkommenen
nationalen Rahmen. Indem sie das politische Interesse kurzfristig anstacheln,
jede Wahl zur Schicksalswahl, Jahrhundertwahl etc. hochstilisieren,
haben die Wahlkämpfe eine demoralisierende Funktion. Nach Abschluß
des Wahlrituals finden wir uns wieder hilflos vor dem Fernseher.
Die "verstaatlichten" Parteien müssen an der Aufrechterhaltung
der Verhältnisse interessiert sein, da diese ihren Status und ihre
feste Etablierung im Sumpf der Macht sichern. Insofern ist die alte
Frage müßig, ob die politisch herrschenden Gruppen Handlanger
der herrschenden Klasse sind oder ob sie eine selbständige gesellschaftliche
Klasse (die politische Klasse) darstellen. Sie sind ein Teil, nämlich
der politische, der herrschenden Klasse. Außerparlamentarische
oppositionelle Gruppen, die sich dennoch auf das parlamentarische Spiel
einlassen, gar zu Parteien degenerieren und den außerparlamentarischen
Kampf nicht mehr als das einzig mögliche Mittel im Herrschaftskonflikts
praktizieren, verlieren so ihre emanzipatorische Qualität und verwandeln
sich in bürokratische Zombies (Viel Spaß bei attac!).
Aber nicht nur die integrierte, staatstragende, sondern auch die Fundamentalopposition
selbst neigt oft durch "konstruktive Kritik" dazu, die in
der Gesellschaft vorgegebenen politischen Regeln zu akzeptieren. Es
wird schier religiös gehofft, durch die Akzeptanz der väterlichen
Regeln die Möglichkeit zu erhalten, die eigene radikale Kritik
einer größeren Öffentlichkeit bekannt und plausibel
machen zu können. Es wird leicht übersehen, das die Kritik
der politischen Regeln ursprünglich zum integralen Bestandteil
der inhaltlichen Kritik jeder emanzipativen Opposition gehörte
und schon sieht mann aus wie J. Fischer, der "das seltsame Schwanken
zwischen weltweiter Beglückungsbereitschaft und kleinmütiger
Selbstverleugnung" geradezu "mit kindlicher Greisenhaftigkeit"
verkörpert" (Spiegel). Mit der vermeintlich nur formalen Anpassung
vollzieht sich immer auch sogleich eine inhaltliche.
Von Teilen der Linken wurden die politischen Machtmittel, allen voran
das Gewaltmonopol des Staates, oft richtig als Unterdrückungsinstrument
der herrschenden Klasse interpretiert. Diese Erkenntnis muß aber
auch das Parlament mit einschließen. Die Aufrechterhaltung der
politischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Macht des Bürgertums
wurde zwar als Wesen der bürgerlichen Politik angesehen, aber eben
nicht als das Wesen von Politik überhaupt. In der Regel wurde nur
davon ausgegangen, Politik sei etwas Neutrales, erst mit Inhalten zu
Füllendes, das von den Herrschenden nur für ihre Zwecke instrumentalisiert
wird. Dies ist Lala! Die Erkenntnis scheint vielfältig verloren
gegangen zu sein.
Anders gesagt: Der politische und (warum denn nicht) auch moralische
Niedergang der Sozialdemokratie (ein historischer Verrat an der Befreiung
der Menschen) ist ein dauerhaftes Warnzeichen für alle emanzipatorischen
Bewegungen!
.........Demokratie!?! Keine Panik

"Dieser
Planet hat - oder besser gesagt, hatte - ein Problem: die meisten seiner
Bewohner waren fast immer unglücklich. Zur Lösung dieses Problems
wurden viele Vorschläge gemacht, aber die drehten sich meistens
um das Hin und Her kleiner bedruckter Papierscheinchen, und das war
einfach drollig, weil es im großen und ganzen ja nicht die kleinen
bedruckten Papierscheinchen waren, die sich unglücklich fühlten.
und so blieb das Problem bestehen. Vielen Leuten ging es schlecht, den
meisten sogar miserabel, selbst denen mit Digitaluhren." Douglas
Adams
Die in der bürgerlichen Gesellschaft praktizierte "Repräsentative
Demokratie" hat sich ausreichend als Hemmnis für eine Emanzipation
der Lohnabhängigen und Unterdrückten erwiesen. Da weben wir
lieber mit am Leichentuch. Es gilt eine revolutionäre Perspektive
weiterzuentwickeln. Wenn denn "keine Macht für Niemand"
Geltung erhalten soll, welches Konzept einer antistaatlichen Selbstverwaltung
streben wir an? Unter Emanzipation versteht B.O.N.E. eine befreite und
eine sich damit radikal demokratisierende Gesellschaft, in der Menschen
unmittelbar selbst über ihre Zukunft bestimmen. Wir schließen
an Begriffsdefinitionen an, die mit dem Wort Demokratie "Volks-Selbstbestimmung"
meinten und direkte Demokratieformen probten, die ohne losgelöste
Stellvertretersysteme auskommen (vgl. R. Burnicki "Anarchie als
Direktdemokratie"). Zwar steckt in dem Wort "Demokratie"
(historisch-bourgeois) übersetzt das Wort "Herrschaft"
mit drin (Volksherrschaft), aber wenn wir mit einer Begriffskritik in
der Weise beginnen, dass wir jede Begrifflichkeit per se ablehnen, die
solche Bedeutungen mitschwingen lässt, können wir uns gleich
von der Sprache abwenden und uns mit rhythmischen Händeklatschen
versuchen. Um böse zu sein, schwingt auch im Begriff der "Herrschaftsfreiheit"
die Herrschaft mittendrin. Diese Freiheit werden wir nicht als Geschenk
des Apparates erhalten. Diese Gesellschaft muss in sozialen und revolutionären
Kämpfen niedergerungen werden, wenn es irgend geht galaxisweit!
Die Herrschaft der Eliten ein für alle mal zu beenden, umschließt
natürlich mehr als nur eine andere "Verwaltung". Wenn
wir basisdemokratisch, also gemeinschaftlich nach Lösungen Ausschau
halten, dann müssen grundlegend die Produktionsmittel (Fabriken,
Fahrzeuge, Häuser, Ausbildung etc.) den Menschen gehören und
keinem Kapital, keiner Partei und keinem Staat. Ein revolutionärer
Prozess einer solch umfassenden Demokratisierung einer Gesellschaft
bringt auch eine neue Sozialisierung des Menschen mit sich, eine selbstorganisierte
Bildung und die Erkenntnis und Freilegung der eigenen Bedürfnisse.
Eine solche bestmögliche Bildung und Kultur gehört zu einer
basisdemokratischen Struktur. Eine Entscheidungsfindung, in der die
höchsten ethischen Werte "jeder Mensch ist gleichwertig",
"individuelle Freiheit im Kollektiv und soziale Gerechtigkeit und
Gleichheit" (frei nach Agnes Hellers "Philosophie des Linksradikalismus")
grundlegend sind, benötigt einen Befreiungsprozess und nicht einen
einzigen Befreiungsakt.
Noch in
den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts geisterte das Wort "Basisdemokratie"
durch die noch relativ "neuen sozialen Bewegungen" (Hausbesetzungen,
Friedens- und Antimilitaristische Bewegung, Frauenbewegung) - ein Hoffnungsschimmer.
Doch schon Ende der 90er Jahre konnte das Wort"Basisdemokratie"
in eine Suchmaschine des Internets eingegeben werden und das Resultat
war vernichtend. Gerade mal Restbestände des alten "grünen"
Parteiprogramms wurden unter diesem Stichwort zum Ramsch angeboten.
In den 90ern crashte der eine oder die andere eher unvorbereitet und
in Unkenntnis jeglicher Regelhaftigkeit der Basisdemokratie auf "graswurzelnde"
Anti-Castor Kämpferinnen des Wendlandes und fand und findet sich
in "Bezugsgruppen" wieder. Deren Basisdemokratie hat allerdings
den Konsens zur Gottheit erhoben und erfand die Herrschaft der "dicken
Ärsche" - ein anderes Prinzip "Kohl". Das meint,
nur wer über übermenschliche über Jahre trainierte Gewaltfreiheit
und engelsgleiche Geduld verfügt, hält stundenlange Diskussionen
über die Geschäftsordnung durch, bevor der erste Tagesordnungspunkt
beginnen kann. Oder da die Pflicht der Konsens ist und alle über
ein Vetorecht verfügen, kann eine Veto-Stimme ausreichen, das "militanter
Widerstand" in keiner Resolution auftaucht. Also auch die Basisdemokratie
ist kein monolithischer Block an fertigen und unumkehrbaren Regeln.
So wurden von vielen Gruppen basisdemokratische Regeln dazuerfunden,
die eine funktionierende "beschleunigte Basisdemokratie" unter
Akzeptanz von Minderheitenvoten hervorbrachte. Das Rotationsprinzip
(jeder muss mal ran, freiwillig) mordet jede Promibildung und bringt
realen Bildungszuwachs für alle Beteiligten.
Gefordert
ist also keine reflexive Modernisierung des Kapitalismus, also Kapitalismus
+ Basisdemokratie Light und keine konstruktive Kritik am System. Es
wäre durchaus denkbar, dass der Kapitalismus noch besser funktioniert,
wenn das Rotationsprinzip im "politischen Management" greift.
Das wäre nur eine weitere Legitimationsleistung des flexibelsten
Herrschaftssystems. Die sogenannte Mediation ist bereits erfolgreich
aus dem Konzept der Basisdemokratie herausgebrochen worden und soll
bei Anhörungen, z.B. beim Flughafenbau die potentiellen Gegner
einbinden und bändigen. Die Durchsetzung einer Basisdemokratie
ist an sich nicht unbedingt und unter allen Bedingungen wünschenswert,
aber als Ansatz wie sich RevolutionärInnen eine möglichst
"herrschaftsfreie Gesellschaft" mit größtmöglicher
Beteiligung Aller am gesellschaftlichen Entscheidungsprozeß vorstellen
brauchbar.
Entscheidungen,
die nicht mehr per "direkter Demokratie" zu erledigen sind,
bedürfen eines Delegiertensystems, eines Rates. Die Delegierten
verhandeln vor und suchen nach tragbaren Lösungen für die
Kommunen. Sie besitzen ein direktes Mandat, sind jederzeit abwählbar
und dem Wähler verantwortlich. Sie sind ausschließlich Träger
eines möglichst "herrschaftsfreien Kommunikationsapparats".
Delegierte einer Bezugsgruppe im basisdemokratischem Modell sind inhaltlich
am Mandat gebunden und können bei Zuwiderhandlung jederzeit abgewählt
und ausgetauscht werden.
Dagegen sind Systeme, die auf Über- und Unterordnung basieren,
Machtstrukturen mit Selbsterhaltungsanspruch. Eine (Übergangs-)Diktatur
nach staatssozialistischem Modell lehnen wir auch deshalb ab.
Wie Rosa Luxemburg (Zur russischen Revolution) trocken zum Besten gab:
"Der
Grundfehler der Lenin-Trotzkischen Theorie ist eben der, daß sie
die Diktatur genau wie Kautsky, der Demokratie entgegenstellen. `Diktatur
oder Demokratie' heißt die Fragestellung sowohl bei den Bolschewiki
wie bei Kautsky. Dieser entscheidet sich natürlich für die
Demokratie, und zwar für bürgerliche Demokratie. Lenin-Trotzki
entscheiden sich umgekehrt für die Diktatur im Gegensatz zur Demokratie
und damit für die Diktatur einer handvoll Personen d.h. für
bürgerliche Diktatur. Es sind zwei Gegenpole, beide gleich weit
entfernt von der wirklichen sozialistischen Politik."
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