Flugblatt
zum Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien, Mai 99
Wollt
ihr die totale humanitäre Intervention?
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"Solange
der Krieg für gottlos gehalten wird, behält er seinen
Reiz, erst wenn man ihn als gemein ansieht, wird er seine Popularität
verlieren."
....................................................Oscar
Wilde |
Wessen
und welches Menschenrecht erkämpft heute die Internationale der
ökonomisch und militärisch mächtigsten Staaten der Welt,
die NATO? Deren führende PolitikerInnen rechtfertigen inzwischen
das von ihnen angeordnete massive Bombardement mit der Behauptung, nur
so die jugoslawische Führung von Vertreibung, ja einem 'Völkermord'
an den Kosovo-AlbanerInnen abhalten zu können. Im selbstgesetzten
'humanitären Auftrag' brechen sie internationales und nationales
gesetztes Recht (Völkerrecht, NATO-Statut, in Deutschland: Grundgesetz,
Strafrecht).
1.
Krieg ist Frieden (Hallo Orwell!)
Die
NATO-Staaten verletzen das auch von ihnen sonst so hochgehaltene, mit
ihrer Selbstdefinition als demokratische Rechtsstaaten geradezu identifizierte
Prinzip der nationalen Souveränität. Sie behaupten, zu diesem
Vorgehen legitimiert zu sein, da sie ja die Menschenrechte vorbildlich
verwirklichen und verteidigen. Ihr Gegner verletze hingegen diese Menschenrechte
in besonders krasser Weise.
Dieselben
NATO-Staaten haben z.B. während ihres Kampfes gegen Befreiungsbewegungen
in ihren (Ex)Kolonien oder "wirtschaftlichen Einflußsphären"
die Menschenrechte zuhauf verletzt und beweisen Kontinuität bis
heute: Massaker und Folter in Algerien, massive Menschenrechtsverletzungen
der Regime, die im Interesse und mit Hilfe
der USA an die Macht kamen oder an der Macht gehalten wurden (Pinochets
Chile, Panama, etc.).
An die 40 selbstverständlich die Zivilbevölkerung nicht schonende
militärische Konflikte zwischen Staaten bzw. Bürgerkriege
soll es weltweit geben, nicht wenige davon gefördert durch koloniale
Grenzziehungen.
Diese Konflikte sind für die NATO-Staaten jedoch glücklicherweise
kein Grund für eine Intervention - sei es, daß für sie
der Konflikt belanglos ist, keinen Vorteil verspricht, oder sei es,
daß ihre Interessen ohnehin von der jeweils stärkeren Konfliktpartei
vertreten werden.
Alles bedeutungslos, vergeben und vergessen, alle so ethnisch, pardon,
ethisch rein wie das ganz neue Deutschland, deren "neue Mitte"
kann mit der Beteiligung an der einzig wahren Bewältigung des Faschismus
(1968 ff.) auftrumpfen und wird sich nicht mehr mit der deutschenVerantwortung
am Holocaust und den deutschen Kriegsverbrechen - nicht zuletzt in Serbien
- belasten.
Der NATO glauben wir, daß sie ihre neuen Waffen in einem Ernstfall
ausprobieren wollen, aber nie den Kampf um ein Menschenrecht.
2.
Psychogramm der Kriegsherren
Wiederum
dämonisieren die Kriegsherren und -damen und ihre botmäßige
Presse den Feind, diesmal in der Person von Milosevic. Der ist das Böse
schlechthin, der Irre, der Psychopath, der ganz alleine an allem schuld
ist. Dummerweise würde sich ohne ihn nicht viel ändern - aber
die KriegstreiberInnen müßten sich mit den gesellschaftlichen
Strukturen in Jugoslawien auseinandersetzen, müßten erklären,
wieso ein beachtlicher Teil der serbischen Bevölkerung Milosevic
(jetzt erst recht) stützt und sie müßten sich mit der
Entstehung und den (staatlichen) UnterstützerInnen der UCK (siehe
Kasten) befassen. Also rücken sie lieber Milosevic in die Nähe
Hitlers, nur daß mensch diesmal dem bösen Diktator gegenüber
nicht so nachgiebig sein wolle wie Großbritannien und Frankreich
1938 Nazi-Deutschland gegenüber und sich nicht wie im spanischen
Bürgerkrieg des Eingriffs enthalten wolle ("das Spanien unsererGeneration",
J. Fischer).
Die Annexion von benachbarten Ländern, die mensch 1938 Nazi-Deutschland
durchgehen ließ, wird von Milosevic nicht erwartet. Aber mit der
fälschlichen Kennzeichnung der Gewalttaten gegen Kosovo-AlbanerInnen
als 'Völkermord' (Genozid), mit der ebenso kalkulierten wie unangemessenen
Einführung des Reizwortes 'Konzentrationslager' (Scharping) beschwören
die PolitikerInnen die Assoziation mit der Judenvernichtung, die ein
deutscher Staat ins Werk setzte - eine infame, maßlose, aber in
Deutschland gängige Verharmlosung des Holocaust (Buchenwald-Überlebende
verwahrten sich erst kürzlich dagegen).
Irrsinn oder Methode: Die spanischen KämpferInnen für eine
freie und gerechte Gesellschaftwerden gleichgesetzt mit den NationalistInnen
der UCK, die ein ethnisch reines 'Groß-Albanien' präferieren.
Und
was will Fischer eigentlich? Er repräsentiert doch genau jene
Nation, die in Spanien eingegriffen hat, für die Faschisten
versteht sich, mit derselben Strategie, mit der sie heute Jugoslawien
angreift, mit dem gezielten Bombardement lohnender Ziele.
Die 'modernen' deutschen PolitikerInnen interpretieren eigenwillig
die Verantwortung für die deutsche Geschichte. In ihrer wahnsinnigen
Freude wähnen sie sich als Person stets gerechtfertigt, denn
nachdem ihre Väter auf der falschen, der faschistischen Seite
gestanden hatten, sie selbst dannin jüngeren Jahren auf der
'falschen', der kommunistischen standen, wollen sie nun endlich
auf der richtigen Seite stehen, die so 'gut' ist wie sie die Militärmacht
hat, ihren Begriff des Guten durchzusetzen. Da sie ihr Blick auf
die Geschichte automatisch auf die Seite der Guten führt, glauben
sie, jene nach Belieben herbeizerren und den GegnerInnen um die
Ohren hauen zu können. Wie praktisch (zufällig?): Die
deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts wird dabei gleich mit entsorgt
und die Nation wieder zu Höherem berufen. |
Wer
ist die UCK?
Bereits in den siebziger und achtziger Jahren entstanden im
Kosovo an Hoxhas Albano-Maoismus orientierte, nationalistische
Gruppen, die größtenteils einen unabhängigen
Kosovo im Kopf hatten. Teile dieser Gruppen sind in der UCK
aufgegangen. Hinzu kam, daß nach dem Ende der Autonomie
des Kosovo und einsetzender staatlicher Repression unter den
nationalistisch gesinnten Kosovo-AlbanerInnen eine Radikalisierung
erfolgte, welche der UCK zugute kam. Ziel ist ein völkisch
reines Groß-Albanien', bestehend aus Albanien, dem Kosovo
sowie Teilen Mazedoniens und Montenegros. Eine ähnliche
Ideologie pflegen auch Sali Berisha (Ex-Staatschef von Albanien)
und sein Umfeld. Berisha kontrolliert den Norden Albaniens und
leistet der UCK mindestens logistische Hilfe. Zusätzlich
arbeiten anscheinend deutsche und albanische Geheimdienste bereits
seit Jahren hinsichtlich Ausbildung und Ausrüstung der
UCK zusammen. Waffenlieferungen (zunächst aus NVA-Beständen,
mittlerweile aber auch modernes westliches Material) laufen
ebenfalls über diese Schiene, zumindest teilweise mit Umweg
über die Türkei. Das nötige Kleingeld stammt
möglicherweise aus Drogengeschäften, ganz sicher aber
aus Spenden insbesondere in Westeuropa lebender (Kosovo-)AlbanerInnen.
Wurde zuerst nur aus einem gemeinsamen Fonds (mit den gemäßigt-nationalistischen
Gruppierungen und der offiziellen' Exilregierung) Geld abgegeben,
so unterhält die UCK mittlerweile auch ein eigenes Spendenkonto.
Bei der Durchsetzung ihrer Ziele ist die UCK alles andere als
zimperlich: Provokationen, Zwangsrekrutierungen und Terrorakte
gegen SerbInnen und Andersdenkende gehören zum Standardrepertoire.
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3. Die Neue Weltordnung
Parlament
und Regierung Jugoslawiens sind nicht minder demokratisch gewählt
als die Kroatiens, dessen Staatschef nicht minder diktatorische Tendenzen
zeigt als Milosevic; Kroatien hat ferner mit faktischer EU - Billigung
die serbische Bevölkerung von seinem Terrain vertrieben - und Kroatien
ist als Kandidat für die EU-Zivilgesellschaft zugelassen. Das NATO-Bombardement
Jugoslawiens sorgt jedoch nicht für einen zivilisierteren Umgang
der Konfliktparteien miteinander, sondern hat zu einer Eskalation geführt,
die eine Verhand- lungslösung als kaum noch möglich erscheinen
läßt. Die gemäßigten Kräfte, die noch für
eine Autonomie des Kosovo innerhalb Jugoslawiens eintreten, haben ihren
Einfluß mittlerweile ganz an die UCK verloren. Die Ideologie der
'Zivilgesell- schaft' blamiert sich angesichts der politischen Praxis
des Westens nicht gerade zum ersten Mal: So erinnert der Schulterschluß
der NATO mit der UCK an die Bündnispolitik der USA in Afghanistan,
wo sie feudale Stammesführer und Fanatiker einer archaischen Auslegung
des Islam unter- stützten, die mit Demokratie und Menschen- rechten
selbst im bürgerlichen Sinne nichts am Hut haben.Ging es in den
80er Jahren noch um die Zurückdrän- gung des sowjetischen
Ein- flusses, so findet heute ein Kampf um die Führungsposition
innerhalb des westlichen Lagers statt - auf dem Rücken Jugoslawiens.
Uns ist klar, daß dieser Krieg nicht mal so eben monokausal zu
erklären ist. Ehe wir jedoch einige für uns wesentliche Gründe
anführen, möchten wir wiederholt klarstellen, daß Menschenrechte,
wie immer sie definiert werden, genauso wenig ein Motiv für die
westliche Intervention sind wie die Verhinderung eines Völkermordes
- der weder stattfindet noch von den Konfliktparteien geplant ist.
Und auch das sei klargestellt: Wir nehmen hier weder Partei für
die serbischen noch für die albanischen NationalistInnen, die sich
sowohl von der Ideologie als auch von den Methoden her eigentlich blendend
verstehen müßten, wenn sie sich nicht zufällig um das
gleiche Gebiet schlagen würden.
Worum geht es der NATO denn nun bei ihrer Intervention? Zumindest nicht
um Jugoslawien selbst (ob mit oder ohne Kosovo), geschweige denn um
die Rechte einiger SeperatistInnen, papperlapapp. Die NATO ist nicht
weniger als der Garant einer kapitalistischen Weltwirtschaftsordnung,
die die Ursache weltweiter Flüchtlingsströme bildet, die für
all die Verzweiflung und Not, Hungertod, Folterungen & Menschenrechtsverletzungen
steht ...!
Wir beziehen allerdings Stellung gegen die NATO (und nicht nur gegen
ihre Interventionspolitik), auch wenn wir wissen, daß eine Auflösung
unter den gegebenen gesellschaftlichen Strukturen noch keine Lösung
wäre. Imperialistische Interessensgegensätze wären schließlich
mit dem Ende dieser Organisationsform nicht vom Tisch.
Zunächst ist der Krieg für die NATO-Staaten eine Gelegenheit
zur Demonstration ihrer Fähigkeit und ihres Willens, Staaten oder
sozialen Bewegungen, die sich als nicht kompatibel mit den politischen
bzw. Ökonomischen Vorgaben der Hegemonialmächte des Westens
erweisen, auch militärisch unter die Herrschaft der Neuen Weltordnung
zu zwingen.
Zur Kriegstauglichkeit werden flexible High-Tech-Einheiten ( Krisenreaktionskräfte')
benötigt, wobei sich die Umsetzung der auf die neuen Aufgaben abzustimmenden
Strategie (Logistik, Kooperation mit den jeweiligen Kriegskumpanen,
psychologisches Fitmachen der Truppe und Einstimmung der Heimatfront')
natürlich in einem echten Krieg tausendmal besser realisieren läßt
als in drögen Sandkastenmanövern.
Zusätzlich will die NATO ihre Unabhängigkeit von der UNO (insbesondere
von Rußland und China) beweisen. Nicht, daß wir Illusionen
hegen, die UNO und ihre Organe seien die Sendboten des ewigen Friedens,
doch wird die Welt nicht eben friedlicher dadurch, daß die NATO,
wenn sie es für richtig hält, auf etwaige UNO-Beschlüsse
scheißt.
Die Presse pfiff es von den Titelseiten: das Vertragsangebot von Rambouillet,
mit dessen Ablehnung seitens Jugoslawiens die NATO-Staaten ihren Angriff
begründen, glich eher einer Erpressung. Der Anhang B forderte eine
ungehinderte und rechtlich unkontrollierbare Bewegungsfreiheit der NATO-Truppen
innerhalb ganz Jugoslawiens: ein Besatzungsstatut, wie in Deutschland
nach Ende des zweiten Weltkriegs nach der bedingungslosen Kapitulation.
Die NATO machte Jugoslawien ein Scheinangebot, um in dessen Ablehnung
eine Rechtfertigung für ihren Angriffsplan zu finden. Das Konstrukt
eines einseitig von der albanischen Delegation unterzeichneten Vertrages
gleicht dem des Hilferufes aus dem Lande selbst. Wie es damals der Sowjetunion
um die Sicherung ihrer Macht in der ihr nach der alten Weltordnung zugestandenen
Einflußsphäre ging, so geht es heute der NATO um die Etablierung
ihrer Macht in der von ihr in der Neuen Weltordnung (vgl. ARD-Monitor-Bericht:
"Die wahren NATO-Kriegsziele im Kosovo" vom 22. April 99)
beanspruchten Einflußsphäre.
Die USA wollen ihren Status als europäische Führungsmacht
auf jeden Fall behaupten und sich aus Europa nicht hinausdrängen
lassen. Der U.S.-amerikanischen Führung wäre eine Siegesparade
zum 50ten Jahrestag der NATO auf der 5th Avenue gerade recht gewesen,
aber seine Militärstrategen lieferten eine Fehleinschätzung
über die Dauer der Luftangriffe ab.
Eine Intervention lag dabei auch im Interesse der deutschen Regierung,
die zum einen selber eine Führungsposition einnehmen will und außerdem
- anders als die USA - gerne einen parzellierten Balkan als eigenen
Hinterhof hätte. Hierfür muß sich die BRD als "ganz
normale Nation" präsentieren können, wobei eine direkte,
international anerkannte militärische Beteiligung als Bestätigung
dieser vermeintlich wiedergewonnenen Normalität gesehen wird.
Waren bislang jedoch die deutschen Verbrechen dieses Jahrhunderts noch
ein Hemmnis für diese Bestrebungen, so werden eben diese Verbrechen
spätestens mit der Regierungsübernahme von Rot-Grün in
einer beispiellos dreisten Verdrehung als Verpflichtung für die
neue deutsche Großmachtpolitik definiert: "Nie wieder Auschwitz"
bedeutet jetzt, überall, wo es opportun erscheint, ein neues Auschwitz
herbei zu phantasieren und sich als Friedensmacht zu erweisen, die zeigt,
daß sie aus ihrer Geschichte gelernt hat.
Das zerbombte Jugoslawien soll des neuen Deutschland Holocaust-Denkmal
sein!
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